Trail-Tour

Mit dem E-Mountainbike durch den Nordschwarzwald

 

Freie Fahrt für freie Radler: In der Gegend um Baiersbronn im Nordschwarzwald dürfen Biker auf alten Pfaden durchs geschützte Dickicht brausen. Wer mit elektrischer Tretunterstützung unterwegs ist, erschließt sich die Landschaft auch ohne wochenlanges Training.

 

Der Vollbart ist prächtig und akkurat gestutzt. Ein Hipster? Ob er auch nach hinten gegeltes Haupthaar hat, sieht man nicht. Der Mann trägt einen Helm. So plötzlich er mit seinem Mountainbike zwischen den Tannen aufgetaucht ist, so schnell ist er wieder in einer Staubwolke verschwunden. Sportive Schräglage, die Beine in kurventauglicher Flamingo-Haltung. Im Schwarzwald ist ein solcher Typ die Ausnahme, könnte man meinen. Doch wer ein paar Tage zwischen Lörrach und Pforzheim unterwegs ist, begegnet noch weiteren modischen Vollbärten, auch unter den Wanderern. Mit dem Klischeeimage von Schinken, Kirschtorte und Kuckucksuhr haben sie nicht mehr viel zu tun. Die eher typischen Erholungsgäste der Region gibt es aber natürlich auch noch.

»Der Schwarzwald ist eine sehr alte Tourismusregion«, sagt Patrick Schreib, Tourismusdirektor in Baiersbronn im Nordschwarzwald. »Das Motto der Besucher war lange Zeit: Ich fahre in die Sommerfrische.« Bereits 1760 beförderte eine Postkutschenlinie Reisende durch das Höllental über Titisee durch den Schwarzwald. 1864 gründete sich in Freiburg der Schwarzwaldverein, 1906 ein erster Tourismusverband. Viel Geschichte, viel Staub. »Doch es findet ein Wandel statt«, sagt Schreib. Und der hat viel mit Mountainbikern zu tun.

Als Ute und Daniel Huber aus Ottenhöfen nordwestlich von Baiersbronn vor 25 Jahren das erste Mal von den Wanderstiefeln auf grobstollige Reifen umstiegen, stießen sie noch auf übellaunige Wanderer. »Die haben nicht gern Platz gemacht. Da kamen schon mal Äußerungen wie "scheiß Radfahrer"«, erzählt Daniel Huber. Er steht mit seiner Frau auf einer hölzernen Aussichtsplattform am 1000-Meter-Weg mit Blick ins Lierbachtal. Die Plattform hat eine Fahrradrampe.

Im Nordschwarzwald in der Gegend um Baiersbronn sind mittlerweile rund 400 Kilometer für Radfahrer beschildert - für Wanderer sind es nur 150 Kilometer mehr. Schon 2008 überlegte man, wie der Konflikt zwischen Wanderern und Mountainbikern zu lösen wäre. »Der Anspruch war: Wandern und Biken, das schließt sich nicht aus«, sagt Schreib. Die Wege sind für alle da, das ist die Botschaft der Schilder.

Wo regelmäßig viele Spaziergänger unterwegs sind, zum Beispiel an der Walterhütte bei Obertal, wurden neue Radwege gebaut. Die Mehrheit der Pfade, die den Bikern vorbehalten sind, sind jedoch alte Hüteweg, die einst von Bauern und ihren Herden genutzt wurden. In der Sprache der Mountainbiker heißen diese Pfade Singletrails. Sie sind für die Biker so etwas wie Königswege, weil sie oft mitten durch die Wälder führen. Man ist mitten in der Natur.

Bernd Stockburger arbeitet in Baiersbronn als Mountainbike-Guide. Er kennt viele Pfade, auch die noch nicht beschilderten, die sich tief durch den 2014 gegründeten Nationalpark Nordschwarzwald schlängeln. Als Vertreter der Mountainbike-Gruppe des TV Baiersbronn handelte Stockburger mit der Verwaltung des Nationalparks mit aus, welche Strecken für Radler freigegeben werden sollten. »Zum Beispiel war der Weg um den Huzenbacher See zunächst nicht komplett vorgesehen.« Jetzt aber können Radfahrer den mystischen Eiszeitsee umrunden. Innerhalb des Nationalparks ist das Wegenetz noch nicht ganz ausgeschildert. Ranger und Förster könnten theoretisch eine Strafe verhängen, wenn man ordnungswidrig auf nicht vorgesehenen Trails durch den Wald braust, sagt Stockburger. Doch passiert sei das noch nicht. Die Unfallgefahr mit Wanderern halte sich sehr in Grenzen.

»Dafür kommen immer mehr junge Leute in den Schwarzwald, seit die Zwei-Meter-Regel in einem Pilotprojekt in Baiersbronn aufgehoben wurde«, erzählt der Mountainbiker. Diese in Baden-Württemberg geltende Vorschrift besagt, dass Radfahrer auf Waldwegen mit mindestens zwei Metern Breite fahren dürfen. »Baiersbronn ist die erste Gemeinde in Baden-Württemberg, die Mountainbike-Strecken mit Single-Trails aufweist«, sagt Jutta Möhrle. Auch sie ist passionierte Mountainbike-Fahrerin. Und sie betreibt mit ihrem Mann das »Hotel Tanne« und verleiht dort E-Mountainbikes. Die Herberge mit Baumhaussauna im Tonbachtal ist ganz auf Radtouristen ausgerichtet, die nach getaner Pedalarbeit entspannen wollen.

E-Mountainbikes machen für Radler auch Ecken zugänglich, die sie ohne Antriebshilfe nicht erreichen würden. Auf einer 80-Kilometer-Tour mit Guide Stockburger zeigt sich das gut. Zunächst befestigt der Profi eine kleine Glocke am Lenkrohr. »Das ist das Trail-Glöckle. Damit hören die Wanderer einen schon von Weitem.« Surrend geht es dann mit Unterstützung des zentral am Tretlager montierten E-Motors den ersten Hang hoch. Treten muss man trotzdem, sonst bleibt der Motor aus.

Von Eco bis Turbo gibt es am E-Mountainbike oft bis zu vier Stufen. Wer aber immer die höchste wählt, hat den Akku womöglich schnell leer gefahren. Stockburger mahnt deshalb zur Mäßigung. »Eine nur leichte Tretunterstützung empfiehlt sich auch, wenn es auf lockerem Grund durch Kurven geht«, sagt er. »Mit zu viel Schub kann es dich aus der Kurve tragen.« Auch bergauf kann der E-Antrieb seine Tücken haben: »Wenn es über Hubbel geht, kann es dir das Vorderrad anheben.« Ungeübte Radler müssen erkennen: Berge, die sie mit dem E-Bike erklimmen, müssen sie auch wieder herunterfahren. Und dazu braucht es Fahrtechnik: Dosiert mit beiden Rädern bremsen, Kurven durchrollen, die Pedalen dabei parallel oder die innere oben halten und das Bein in besagter Flamingo-Stellung abwinkeln.

Die Routenvielfalt ist groß. Die einen zieht es in Richtung des Pfälzerkopfes auf 880 Meter, wo Bussarde Kreise ziehen. Die anderen genießen Aussichten wie den Blick vom Sohlberg. Weitere Radtrips heißen etwa Hirschkopf Trailtour, Karseen Tour oder Murgtal Tour. Manche Trails eignen sich besonders für Familien. Das Naturerlebnis ist stets groß, und auf dem E-Bike bekommt man schnell ein Gefühl für die landschaftliche Vielfalt der Gegend: dichte Tannenwälder, offene Flächen mit Gräsern, Kräutern, Moosen. Und meist ist man für sich. »Das E-Bike kommt unseren heutigen Lebensumständen entgegen, wenn man zum Trainieren kaum Zeit hat« - so sieht es Tourismusdirektor Schreib. Nur an touristischen Hotspots wie dem Ruhestein kommen sich Wanderer und Radler schon mal ins Gehege. Auf dem Rückweg kläfft ein kleiner Hund, als wollte er sich an der Leine erdrosseln. »Er mag keine Fahrradfahrer«, sagt die wandernde Halterin. Und lächelt freundlich.